William Thomas "Bill" Berry wurde am 31.07.1958 als jüngstes von fünf Kindern in Duluth, Minnesota, geboren. Über seine Kindheit ist wenig bekannt, außer, daß die Familie Berry häufig den Wohnort wechselte. So kam Bill Mitte der Siebziger Jahre nach Macon, Georgia, und zwar gerade noch rechtzeitg, um den ersten Tag in seiner neuen Schule nicht zu verpassen.
"Ich sah die Schule eher als unser neues Haus", erinnerte sich Bill. "Meine Eltern setzten mich an der Bushaltestelle ab."
In Bills Familie wurde großen Wert darauf gelegt, daß jeder mindestens ein Instrument spielte... zuerst fing Bill an, Ukulele zu spielen. Als er dann den Wunsch äußerte, Schlagzeug zu lernen, schlugen ihm seine Eltern dies nicht ab... verbannten ihn und sein Drumkit allerdings in die Garage.
Die Berrys lebten in einer Gegend, sie vornehmlich von Schwarzen bewohnt wurde und Bill war erschüttert, als er das erste Mal mit Rassismus in Berührung kam.
"Ich wollte mich nach der Schule mit einem Mädchen treffen, die ich mochte", erzählt Bill. "Statt ihrer erschienen ihre Brüder und machten mir sehr handgreiflich klar, daß sie nicht wollten, daß ihre Schwester sich mit einem Weißen trifft. Ich konnte das überhaupt nicht glauben, aber so war es. Man blieb unter sich."
In der Highschool von Macon traf Bill auch erstmals seinen späteren Freund und Bandgefährten Mike Mills. Beide spielten in der Highschool-Band und es ist mittlerweile in jedem Interview nachzulesen, daß sich die beiden anfangs nicht auf den Pelz gucken konnten.
"Der Typ war mir verhaßt wie kein zweiter", lacht Bill. "Immer adrett gekleidet, nur beste Noten, fleißig und freundlich und mit den Lehrern kam er auch gut klar. Ätzend. Und ich hing damals mit einer Clique herum, die in Bars ging, die Schule schwänzte und mit Drogen experimentierte... der Typ rauchte noch nicht einmal Zigaretten, geschweige denn mal einen Joint!"
Bill spielte Schlagzeug in verschiedenen Schülerbands, als ihn eines Tages ein Freund um Hilfe bat - der Drummer seiner eigenen Band war krank geworden und Bill wurde gefragt, ob er einspringen könnte. Bill sagte zu, packte sein Schlagzeug in den Wagen und fuhr zu der angegebenen Adresse. Nachdem alles aufgebaut war, saß man zusammen... und wartete. Auf den Bassisten. Der mal wieder zu spät kam. wink
"Wir saßen also und warteten", erzählte Bill in einem Interview 1991, "darauf, daß der Bassist kommt - das tun wir übrigens bis heute! - (lacht), und dann hören wir Schritte die Kellertreppe herunterkommen und wer ist es? Mike Mills. Ich schwöre, wenn ich ein handlicheres Instrument gespielt hätte, ich hätte auf der Stelle meinen Kram gepackt und wäre gegangen."
Bill blieb. Und nach der Session begruben er und "der Typ" das Kriegsbeil. Der friedliebende Mike war es, der den ersten Schritt tat und Bill bei einem Bier ansprach: "He, das ist doch lächerlich." Und Bill gab zu: "Du hast recht." Der Beginn einer langen und herzlichen Freundschaft - bis heute. Bis zu ihrem Highschool-Abschluß spielen Bill und Mike zusammen in einer Band und treten unter anderem bei Schulfeten auf.
1978 (in manchen Büchern steht auch, 1977 oder 1976) schrieben sich Bill und Mike an der Universität in Athens ein und zogen dort gemeinsam in ein kleines Häuschen in einem billigen Studentenviertel. Mike wollte Literatur studieren, Bill schrieb sich in Jura ein. An Musik dachten beide noch nicht im entferntesten. Und Geld hatten sie auch keins. Mehr schlecht als recht hielten sie sich mit verschiedenen Jobs über Wasser - Bill arbeitete unter anderem als Hotelpage, als Kurierfahrer und später als Mädchen für alles in der Künstleragentur Paragon, die von einem gewissen Ian Copeland geleitet wurde.
Bereits kurze Zeit später lernte Bill über seine damalige Freundin Kathleen O'Brian zwei ulkige Gestalten kennen, mit denen Kathleen in einer heruntergekommenen Kirche in einer Wohngemeinschaft hauste. Der introvertierte Kunststudent Michael Stipe und ein gewisser Peter Buck, der sich selber mehr schlecht als recht das Gitarrespielen beigebracht hatte und in einem Plattenladen jobbte, träumten davon, eine Band zu gründen. Nur leider spielte Michael kein einziges Instrument. Grund genug für Kathleen, ihren beiden Mitbewohnern ihren Freund Bill vorzustellen. Und der brachte seinen alten Kumpel Mike in's Spiel.
"Bei unserem ersten Treffen fehlte Mike", erinnert sich Bill. "Ich sagte, okay, hier seid ihr, Vocals und Gitarre, und hier sind wir, Drums und Bass. Wie wär's?" Man verabredete sich zu einer unverbindlichen Session, die allerdings wenig erfolgversprechend war, weil Mike so betrunken war, daß er kaum gerade stehen konnte. Michael soll entsetzt gewesen sein: "Nie im Leben spiele ich mit dem in einer Band!" Es ist Peter zu verdanken, daß die Vier zu einem späteren Zeitpunkt ein weiteres Mal zusammenkamen - und dieses Mal sprang der Funke über. smile
"An Erfolg dachten wir nicht", erzählt Bill. "Wir machten einfach Musik und hatten Spaß und jede Menge Parties." Und natürlich jeweils noch einen erträglichen Nebenjob. Es ist kein Wunder, daß das Studium über alle diese Aktivitäten ein wenig zu kurz kam. Bill war der erste, der exmatrikuliert, sprich, rausgeschmissen wurde - er hatte so gut wie keine Vorlesung besucht. Kurze Zeit später zog auch er zu Michael, Peter und Kathleen in die Kirchen-WG. Und ärgerte sich so manches Mal über seinen Hotel-Job, der ein recht frühes Erscheinen notwendig machte.
"Die anderen gingen immer gerade in's Bett, wenn ich in meiner Hotelboy-Uniform erschien und zur Arbeit mußte", lacht Bill. "Und dumme Sprüche gab es natürlich jedes Mal. Bis später, Bill! Hab' einen schönen Tag!"
Obwohl die vier bereits regelmäßig miteinander Musik machten und ein ansehnliches Repertoire an Coversongs eingespielt hatten, waren sie noch nie zusammen aufgetreten. Das änderte sich jedoch bald - an jenem legendären 5. April 1980, als Kathleen eine große Geburtstagsparty gab.
"Wir machten uns vor Angst fast in die Hosen", erinnert sich Bill heute an den ersten Auftritt, den die Band unter dem Namen "Twisted Kites" gab. "Wir dachten bis kurz vor dem Auftritt, daß wir im Grunde immer noch aufhören können..."
Aber der Auftritt wurde ein Erfolg. Die ca. 300 mehr oder weniger geladenen Partygäste amüsierten sich köstlich und die Band beschloß, weiterzumachen... unter dem Namen R.E.M., den Michael Stipe aus dem Wörterbuch heraussuchte.
Obwohl die Band von Anfang an als Einheit verstanden werden wollte, ergab sich das perfekte Zusammenspiel aus den vier verschiedenen Charakteren, die sich zu einer Einheit zusammengetan hatten. Während Michael, der scheue, sensible Poet, als das "Hirn" bezeichnet werden kann, Mike, der aufgeschlossene, fröhliche Kumpel als das "Herz", und Peter von beidem etwas mitbrachte, war Bill in der Anatomie der Band mit Sicherheit das "Rückgrat" - verläßlich und stabil, musikalisch wie menschlich. Bei Interviews hielt er sich meistens im Hintergrund. Politische Statements überließ er eher Michael, der seine Meinung in Wahlwerbespots ("Don't get bushwacked!") und auf T-Shirts ("White House stop AIDS!") kundtat, kleinere Skandale überließ er Peter, der in die Schlagzeilen geriet, als er nach der Wahl von George Bush sen. zum U.S. Präsidenten volltrunken zu einem Interviewtermin erschien und forderte, diesen Präsidenten "am besten gleich zu erschießen". Seine freie Zeit verbrachte Bill gerne beim Angeln, mit dem Sammeln von Antiquitäten und mit seiner Freundin Mari, die er im März 1986 heiratete.
Ein Journalist bezeichnete Bill Berry einmal als "noch geheimnisvoller als Michael Stipe". Denn während Michael sich vom schüchternen Frontman wider Willen im Laufe der Jahre in einen glamourösen Rockstar verwandelte, der seine Position im Scheinwerferlicht zunehmend genoß, hielt Bill sich weiterhin im Hintergrund. Wenn er einmal in einem anderem Zusammenhang als mit R.E.M. in der Presse auftauchte, dann in Zusammenhang mit Spenden für die Tourette-Syndrom-Organisation, die Bill seit langem unterstützt, da ein enger Freund von ihm an dieser seltenen Nervenkrankheit leidet. Oder man sah seinen Namen auf einer Liste prominenter Spender für die Tierschutzorganisation PETA. Die meisten Aktionen für wohltätige Zwecke trug die Band jedoch gemeinsam - ebenso wie eine Stiftung zur Erhaltung des historischen Stadtbildes von Athens, die "Athens Heritage Society".
Auch was ihr Privatleben betrifft, so sind und waren die vier Bandmitglieder sehr auf Zurückhaltung bedacht. Skandale wie bei anderen Rockbands, die schon einmal im Suff und Drogenrausch eine Hotelsuite zerlegen, gab es bei R.E.M. nie. Sogar Michael Stipes Coming Out Anfang der 90er Jahre schockte niemanden so richtig. Von Bill ist bekannt, daß er und seine Frau Mari sich Anfang der 90er Jahre eine alte Stadtvilla in Athens und ein Stück Land außerhalb der Stadt kauften. Bald darauf gab es Unruhe um das Haus. Da Bill nur das Haus, nicht aber das Grundstück erworben hatte, bestand die Stadtverwaltung auf ihr Nutzungsrecht und wollte Bill das Haus wieder abkaufen - um es abzureißen. Bill löste das Problem auf seine Weise: Er ließ das Haus abtragen und auf seinem eigenen Land wiederaufbauen und gleichzeitig im alten Stil restaurieren. Es dauerte insgesamt fast drei Jahre, bis das Anwesen fertiggestellt war und Bill lebt noch immer dort.
Bill, der Musiker
Da R.E.M. von Anfang an alle vier Mitglieder stets als Songwriter angeben, und zwar in alphabetischer Reihenfolge, kann nicht nachvollzogen werden, welcher Song von welchem der Vier ist, und das ist ganz im Sinne der Band. Es hat sich im Laufe der Jahre allerding herumgesprochen, daß Mike Mills für "Nightswimming" verantwortlich zeichnet, auf Peters Konto eine ganze Reihe der eher rockigen Songs gehen, und es ist eh' bekannt, daß Michael zu allen Songs die Lyrics verfaßt.
Bill, der neben Schlagzeug auch Gitarre, Bass und ein wenig Klavier spielt, schrieb, soviel ist bekannt, die Musik zu "Perfect Circle" und "Everybody Hurts". Aber sehr viel häufiger als komplette Songs entwarf er die Anfangssequenzen für eine ganze Menge Songs, die dann von ihm, Peter und Mike gemeinsam ausgearbeitet wurden. So gehen die sanfte Gitarrenmelodie, die "Man on the Moon" einleitet, ebenso auf sein Konto, wie das herzergreifende, sanfte Intro zu "Leave", welches er zwischen zwei Proben auf der "Monster-Tour" entwarf und auf einem winzigen tragbaren Recorder festhielt. Genau diese Aufnahme wurde für den fertigen Song verwendet. Auch den Anfang zu "Tongue" und zu "How the West was won" soll er geliefert haben.
"Ich möchte nicht wissen, wie viele fertige Songs Bill noch immer in irgendeiner Schublade herumliegen hat", sagt Peter. "Er schrieb gern, einfach so zum Spaß. Aber die meisten Songs gingen in eine ganz andere Richtung als das, was wir bei R.E.M. so machten."
1991 gründete der damalige R.E.M.-Manager Jefferson Holt sein eigenes Plattenlabel "Dog Gone". Bill spielte aus Jux unter dem Pseudonym "Thirteen-One-Eleven" eine Single dort ein - eine flotte kleine Country-Ballade mit dem Titel "My Bible is the latest TV-Guide".
Bill, der Produzent und Arrangeur
"Wenn ich einen Song aufnehme, dann ist er zwölf Minuten lang und klingt scheußlich", erzählt Peter Buck. "Wenn Bill ihn sich vorgenommen hat, ist er plötzlich viereinhalb Minuten lang und klingt ganz bezaubernd."
Tatsächlich schien es Bills größte Begabung zu sein, Songs zu arrangieren und zu produzieren. Auch Mike erzählt in einem Interview: "Wir anderen neigten immer dazu, zu lange an einem Song herumzuspielen und zu probieren. Wenn Bill nach einer Probe oder nach einer Aufnahme sagte, der Song ist jetzt fertig, dann vertrauten wir ihm blind."
Die Band war stets an der Produktion der Alben beteiligt, und sowohl Peter als auch Bill arbeiteten nebenbei gerne einmal mit anderen Bands oder Künstlern. Bill produzierte zwei Songs auf einem Sampler von jungen und alteingesessenen Bands aus Athens - "Welcome Companions", ein Benefiz-Album für die Tourette Syndrome Association. Er arbeitete auch an dem Comeback-Album seiner alten Weggefährten Love Tractor als Produzent mit und zuletzt produzierte er 2001 in den John Keane Studios in Athens dein Album der jungen Band RANA. (Infos und Fotos auf www.rana.com)
"Green"
Nachdem die Band 1987 ihr fünftes Album "Document" veröffentlicht hatte, lief ihr Vertrag mit dem Independent-Label I.R.S. aus. Eine ganze Reihe große Labels war inzwischen auf die unkonventionelle Truppe aus Athens aufmerksam geworden - mit "Document" eroberten sie erstmals die Charts, was ihnen trotz einer stetig wachsenden Fangemeinde und einer Reihe brillianter Alben und hervorragender Kritiken verwehrt geblieben war. Doch plötzlich war da "The One I Love"...
R.E.M. entschied sich, einen Vertrag bei Warner Bros. zu unterzeichnen. Sie legten nach wie vor Wert darauf, künstlerisch unabhängig arbeiten zu können und Warner sagte ihnen absolute künstlerische Freiheit zu. Mit "Green", dem ersten Album unter dem neuen Label, stand dann auch die erste Welttournee an - für die Band, die ein knappes Jahrzehnt in einem klapprigen Kleinbus durch die Staaten getingelt waren und kaum einen Club oder einen Pizza-Imbiß ausgelassen hatten, ein bedeutender Schritt nach vorne. Und die Tour wurde ein Riesenerfolg. Die Band füllte mühelos die größten Hallen und begeisterte Kritiker und Publikum gleichermaßen. Vor allem Michael Stipe überraschte - der früher so schüchterne Frontman gab sich auf der Bühne extrovertiert und flitzte wie ein Derwisch mit großen Gesten und dramatischem Augen-Make-Up über die Bühne, zelebrierte seine Songs und sprach immer wieder eindringlich mit dem Publikum.
Als Bill eines Abends, kurz vor dem Konzert in München, hohes Fieber bekam, dachte zunächst noch niemand etwas Schlimmes. Als das Fieber jedoch im Laufe der Nacht in kritische Höhen stieg, Bill nicht mehr ansprechbar war und zudem einen sonderbaren Hautausschlag entwickelte, wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. Und dort begann ein Kampf auf Leben und Tod - die deutschen Ärzte versuchten ohne Erfolg, das Fieber zu bekämpfen und hatten keine Erklärung für Bills Zustand. Von der Viruserkrankung Rocky Mountain Spotted Fever, die durch Zeckenbisse übertragen wird, hatten sie noch nie gehört. Erst hektische Telefonate mit Ärzten aus den Staaten ergaben die richtige Diagnose und Behandlung. Bill kam wieder zu sich und erholte sich schnell - zwei Wochen später wurde die Tour in Frankfurt fortgesetzt. Von deutschen Ärzten hat Bill alerdings seitdem keine allzuhohe Meinung mehr.
"Sie hätten mich fast umgebracht", grollte er, "dabei wäre es so leicht gewesen, sofort einen Arzt aus den Staaten zu Rate zu ziehen. Bei uns ist diese Krankheit relativ verbreitet - jeder amerikanische Arzt hätte das sofort sagen können. Aber die mußten ja zuerst selber herumprobieren..."
Vom Geheimtip zum Mega-Act
Nachdem R.E.M. fast zehn Jahre lang nahezu pausenlos auf Tour gewesen waren, beschlossen sie, sich 1990 eine Pause zu gönnen. Auch die Verantwortlichen von Warner Bros. rieten ihnen dazu: "Macht mal Urlaub, ihr habe es euch verdient", soll der damalige Präsident von Warner Bros., Lenny Waronker (Vater von Joey Waronker), gesagt haben. Und so zogen sich Berry, Buck, Mills und Stipe nach Athens zurück, wo sie alle Häuser besaßen, um auszuspannen.
Sehr lange hielt dieser "Urlaub" jedoch nicht vor. Peter Buck beschrieb es einmal so: "Einfach herumsitzen und nichts tun, das war einfach nicht unser Ding. Schon sehr bald trafen wir uns wieder und spielten ein bißchen herum."
Das Ergebnis dieses "Herumspielens" wird später einmal als jenes Album in die Musikgeschichte eingehen, welches R.E.M. endgültig an die Spitze schwemmt - "Out of Time".
Sowohl das Album als auch die Single "Losing my Religion", ein Song, der gleich nach dem Erscheinen bereits ein Klassiker wurde, standen monatelang auf der ganzen Welt an der Spitze der Charts. Über Nacht waren die Vier aus Athens weltberühmt und millionenschwer geworden. Und nicht nur die Musik, auch die dazugehörigen Videos, bei welchen R.E.M. ihrer Zeit einmal mehr ein ganz kleines Bißchen voraus waren, wurden mit Preisen überhäuft. Besonders die surrealen Bilder, mit denen der junge indische Regisseur Tarseem Singh den Mega-Hit "Losing my Religion" illustriert hatte, gelten als Meilenstein des Musikvideos.
In Irland wurde das Video allerdings auf den Index gesetzt - die religiöse Symbolik in engem Zusammenhang mit (homo-)sexuell verstandenen Figuren und Bildern empörte das größtenteils katholische Land.
Auch im Fernsehen waren R.E.M. schlagartig gerngesehene Gäste. Auf ihren plötzlichen Weltruhm reagierten die vier allerdings dann doch wieder typisch "R.E.M.-isch": Michael Stipe nutzte die Video-Award-Verleihungen sehr wirksam, um seine politische Meinung kundzutun und als Gegenreaktion auf die Tatsache, daß plötzlich die ganze Welt von ihnen sprach, unternahmen die Jungs eine kleine "Unplugged"-Tour durch eine Handvoll kleine Clubs - unter dem Pseudonym "Bingo-Hand-Job". Die Legende erzählt, daß die Karten für ein Bingo-Hand-Job-Konzert für knapp 3 englische Pfund verkauft wurden - bis ein findiger Journalist herausgefunden hatte, um wen es sich bei dieser Band wirklich handelte. Von einer Minute zur nächsten stiegen die Preise auf 125 Pfund; auf dem Schwarzmarkt wurde sogar das Doppelte gezahlt.
1992 wurden R.E:M. endgültig unsterblich. Ihr Album "Automatic For the People" übertraf den Vorgänger nicht nur bei den Verkaufszahlen - es lieferte sogar drei Klassiker als Single-Auskoppelung: "Drive", "Man on the Moon" und "Everybody Hurts". Die "Automatic", benannt nach einem Soul-Food-Restaurant in Athens, gilt für viele Fans und Kritiker als ihr bestes Album.
R.E.M. konnten wirklich stolz auf sich sein - sie hatten erreicht, was sie wollten, ohne ihren Prinzipien untreu zu werden, ohne ihre Ideale zu verraten und ganz auf ihre Weise. Nur einer war nicht glücklich über den großen Erfolg, die Preise und Auszeichnungen, die über sie hereinbrachen, die Einladungen in Shows und auf jedes nur denkbare Musik-Event. Und das war Bill Berry.
"Ich hatte Angst, daß wir unsere Glaubwürdigkeit verlieren würden", gesteht er viele Jahre später sein Unwohlsein. "Ich hatte Angst, das Bandgefüge könnte darunter leiden."
Bills Sorge war zwar unbegründet - keinem der vier Freunde stieg der Erfolg in irgendeiner Weise zu Kopf. Die Band blieb eine Einheit und ging auch weiterhin unbeeindruckt ihren Weg. Aber trotzdem waren diese Jahre, die von vielen als der Höhepunkt ihrer Karriere bezeichnet werden, die Zeit, in welcher sich Bill zurückzuziehen begann. Später sollte Peter Buck einmal sagen: "Seit den frühen Neunzigern fing Bill an, sich zu verändern. Er schien schon damals nicht mehr so mit dem Herzen dabeizusein. Es schien alles wie immer... aber er war nicht mehr der Typ, den ich zehn Jahre vorher kennengelernt hatte."
"Das Jahr des "Monsters"
1994 war dann auch das nächste Album fertig - das "Monster". Obwohl die Aufnahmen nicht immer einfach waren, und kurz nacheinander zwei enge Freunde von Michael gestorben waren (River Phoenix, der Schauspieler, an einer Überdosis Drogen, ihm ist das Album gewidmet, und "Nirvana"-Frontman Kurt Cobain, der Selbstmord beging), wurde das neue Werk mit Spannung erwartet, vor allem, weil die Band sich entschieden hatte, wieder auf Tournee zu gehen.
"Das letzte Mal lag nun auch schon wieder fünf Jahre zurück", sagte Bill. "Und wir waren einfach wieder reif für eine Tour."
Peter erzählte dem amerikanischen Musiksender VH-1 sogar in einem langen Interview, daß es Bills Idee gewesen sei, wieder zu touren. "Er meinte, wenn wir nicht touren würden, würde doch etwas fehlen. Das gehöre doch dazu. Also sagte ich, okay, also ich bin dabei. Wir touren."
Auch wenn die Presse verhalten reagierte - zu groß war wohl der Kontrast zwischen dem melodischen, von Geigen und akustischen Gitarren getragenen "Automatic for the People" - so war doch das "Monster" wie geschaffen, um große Hallen zum Toben zu bringen. Aggressive Gitarren, hämmernde Drums und Michaels Stimme, die mehrere Oktaven umfassend singt, schreit, wispert und brummt. Viele Journalisten titulieren das Werk als R.E.M.'s "Sex-Album" - vermutlich, weil Michaels Texte direkter und aggressiver sind als vorher.
"Wir haben vor bis zu 90.000 Leuten in einer Nacht gespielt. Und wir hatten auch die richtige Show dafür - es war toll", erinnert sich Peter. Und tatsächlich startete die Tour erfolgreich. Die Band spielte in ausverkauften Hallen und Stadien, hatte sie doch in den vergangenen fünf Jahren stetig eine Menge Fans dazugewonnen.
Am 1. März 1995, während des Konzerts in Lausanne, geschah dann, was von manchen Journalisten der "Fluch des Monsters" genannt werden würde. Noch während die Band "Tongue" spielte, stand Bill plötzlich auf und brach mit rasenden Kopfschmerzen zusammen. "Er sah aus wie aus der 'Nacht der lebenden Toten' ", erinnert sich Peter. "Ich fragte ihn, Jesus, Bill, was ist denn los, und er flüsterte, ich habe die schlimmste Migräne meines Lebens."
Bill wurde hinter die Bühne gebracht, aber die Ärztin, die ihn untersuchte, verkannte den Ernst der Lage. So empfahl sie Bill, eine Kopfschmerztablette einzunehmen und sich Ruhe zu gönnen. Die Band spielte den Set derweil zu Ende - der Drummer der Vorgruppe war eingesprungen und wuselte sich irgendwie durch die Setlist.
Als es Bill nach einigen Sunden nicht besserging, sondern die Schmerzen immer schlimmer wurden, brachte man ihn ins Krankenhaus, wo sein Kopf durchleuchtet wurde. Die Ärzte diagnostizierten zwei Aneuyrismen (erweiterte Arterien, die kurz vor dem Platzen sind) und rieten zur sofortigen Operation. Michael, Mike und Peter wußten genau, was das bedeutete - die Tour war in ihren Augen beendet. Obwohl die Veranstalter darauf drängten, die Tour mit einem Ersatzmann fortzusetzen, waren sich alle einig, so lange bei Bill zu bleiben, bis er sich von der OP erholt habe, komme, was da wolle. Und alle vermuteten insgeheim, daß das sehr lange dauern würde.
"Wir wußten nicht, ob er vielleicht gelähmt bleiben würde, ob sein Gedächtnis noch funktionieren würde, ob er überhaupt überleben würde", sagt Peter. "Alles, was wir wußten, war, daß wir ihn nicht im Stich lassen und die Tour ohne ihn fortsetzen würden. Das läuft bei uns nicht."
Als Bill erfuhr, daß die OP ein großes Risiko bedeuten würde, packte ihn die Angst. "Ich wollte nicht, daß es so aufhört", sagte er später. "Ich wollte immer noch in der Lage sein, aus einem Bandmeeting rauszurennen und die Tür hinter mir zuzuknallen. Aber nicht so."
Umso glücklicher waren alle schließelich, als Bill nach der OP wieder zu sich kam und die Ärzte ihm bescheinigten, daß die Operation erfolgreich verlaufen sei und er keine bleibenden Schäden davontragen würde. Tour-Musiker und langjähriger Freund der Band Scott McCaughey erinnert sich an seinen ersten Besuch bei Bill im Krankenhaus: "Er lag da mit halbrasiertem Schädel und konnte kaum sprechen, so hatte man ihn mit Schmerzmitteln vollgestopft. Ich sagte so etwas wie, hey, Bill, gut siehst du aus! Und Bill flüsterte, wenn ich jetzt gut aussehe, möchte ich lieber nicht wissen, wie ich aussehe, wenn ich mal schlecht aussehe... mir fiel ein Stein vom Herzen. Offensichtlich hatte er nicht nur die Operation gut überstanden, sondern auch bereits seinen Humor wiedergefunden."
Bill erholte sich so schnell, daß selbst die Ärzte von einem medizinischen Wunder sprachen. Bereits zwei Wochen nach der Operation ging er auf dem Krankenhausgelände spazieren. Sechs Wochen später erklärte er sich bereit, die Tour fortzusetzen. Seine Freunde waren unsicher: "Laß' es uns langsam angehen", soll Peter gesagt haben, aber Bill wollte wieder auf die Bühne, an die Drums, und da weitermachen, wo er aufgehört hatte. Da die Ärzte keine Bedenken äußerten, stand der Monster-Tour nichts mehr im Wege.
Als Bill ein Jahr später gefragt wurde, wie er selbst diese kritische Zeit erlebt habe, erinnerte er sich: "Es tat so weh, als hätte man mir eine Bowlingkugel an den Kopf geworfen. Mir wurde schwarz vor Augen und ich fiel um. Es war einfach entsetzlich." "Sofort als ich aufwachte, wußte ich, daß mein Hirn in Ordnung ist. Ich erinnerte mich, was passiert war, ich erinnerte mich an meinen Namen, meine Telefonnummer, meinen Geburtstag, an meine Sozialversicherungsnummer. Und ich dachte nur, wow... das war ein sehr, sehr glücklicher Moment." "Das erste Konzert, welches ich wieder gespielt hatte, nach der Operation, das war mein Tour-Highlight. Als ich nach der Show die Bühne verließ, da fiel mir ein riesiges Gewicht von den Schultern. Ich war wahnsinnig glücklich und dankbar. Und dann fuhr ich ins Hotel und ging schlafen."
Es ist typisch für Bill, seine lebensgefährliche Operation herunterzuspielen und nicht viel darüber zu sprechen. Aber diese Wochen im Krankenhaus veränderten ihn nachhaltiger, als es ihm anfangs vielleicht selbst bewußt war.
"Ich lag drei Wochen lang nur im Bett und konnte nichts tun, als nachzudenken", sagt Bill. Und in diesen drei Wochen ordnete er sein Leben neu. "Es mag komisch und kitschig klingen, aber Sonnenaufgänge haben seitdem eine ganz neue Bedeutung für mich", gibt er zu. "Und zu Hause zu sein, war für mich plötzlich wichtiger als alles andere auf der Welt."
Während der Tour, die noch zweimal wegen Krankheit unterbrochen werden mußte (Mike mußte sich einer Blinddarm-Operation unterziehen, Michael erlitt einen Eingeweidebruch), arbeitete die Band bereits an ihrem nächsten Album - "New Adventures in HiFi". Es sollte Bills letztes Album als Drummer, Songschreiber und Gründungsmitglied von R.E:M. werden.
Einen Teil der Songs, die auf der "New Adventures" erschienen, hatte die Band bereits während der "Monster"-Tour aufgenommen und überarbeitete die fertigen Songs nur noch leicht im Studio nach ihrer Rückkehr nach Athens. Peter sagte dazu, daß die meisten Aufnahmen einfach schon so schön geklungen hätten, daß sie gar nicht mehr viel daran machen mußten. Und so erinnert das Album mit seiner bescheidenen Aufnahmetechnik und seiner melancholischen "On the Road"-Stimmung auch ein wenig nach ihren ganz frühen Alben. "Es geht darum, sich nach Hause zu sehen - wo auch immer zu Hause ist", sagte Michael Stipe.
Ein gutes Jahr später wollten sich die Vier erneut treffen, um an einem neuen Album zu arbeiten. Die ersten Proben sollten auf Hawaii stattfinden, wo Peter ein Haus mit einem integrierten Studio besitzt.
Schon früh hatte Bill einen charakteristischen Spitznamen von seinen drei Freunden bekommen: "I-go-now"-Bill Berry. Angeblich war er stets der erste, der ein Bandmeeting verließ oder vom Essen aufstand - stets mit einer gemurmelten Entschuldigung und den abschließenden Worten: "I go now." Die Legende sagt, daß er sogar bei einem Konzert im Jahre 1988 vor Ende der Show verschwand, und es Peter, Mike und Michael überließ, die Zugaben ohne Drums, sozusagen "acoustic" zu geben. "Bill ist schon auf dem Heimweg", so entschuldigte sich Michael bei der erstaunten Fans, "er möchte nicht in den Stau kommen." Von dieser exzentrischen Angewohnheit abgesehen, war Bill jedoch immer ein Musterbeispiel an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. "Wenn wir vier uns für zehn Uhr morgens verabredeten", so erzählte Peter einmal, "erschien Bill um Viertel vor zehn, ich um zwei Minuten nach zehn, und Mike und Michael dann so gegen... zwei. Es war immer angebracht, ein Buch dabeizuhaben." Dementsprechend komisch muß es Peter, Mike und Michael vorgekommen sein, daß Bill plötzlich nicht zu Proben erschien, den ganzen Tag am Strand entlangspazierte und sich erst wieder zu einem gemeinsamen Abendessen blicken ließ. Peter glaubte, zu wissen, was seinen alten Freund bedrückte: "Erst kurz vorher war Bill von seiner Frau Mari geschieden worden. Ich bin selbst bereits einmal geschieden. Ich weiß, wie sehr das einen belasten kann. Bill hat wenig darüber gesprochen, aber ich dachte, er macht bestimmt jetzt eine schwere Zeit durch und sagte den anderen, sie sollten ihn ruhig mal allein lassen. Daß er mit dem Gedanken spielte, die Band zu verlassen - darauf wäre ich im Traum nicht gekommen."
Der erste, der von Bills Entscheidung erfuhr, war ihr langjähriger Anwalt, Freund und Interimsmanager Bertis Downs. Nachdem Bill mit ihm gesprochen hatte, rief Bertis die anderen Bandmitglieder an, um sie möglichst schonend darauf vorzubereiten, daß ihr Freund und Drummer sie verlassen wolle. "Bertis rief an und sagte, daß Bill uns etwas sehr Wichtiges mitzuteilen habe", erinnert sich Mike Mills. "Er hatte noch nicht aufgelegt, daß klingelte das Telefon bei mir und Michael war am Apparat. Er hatte ebenfalls einen Anruf von Bertis bekommen und fragte mich, ob ich wisse, was das bedeute... ich sagte, ich weiß es nicht, aber ich glaube, das bedeutet nichts Gutes."
Einen Tag später kam Bill pünktlich zur Probe - um sich von seinen langjährigen Freunden und Bandkollegen zu verabschieden. Leicht fiel es ihm nicht - aber er hatte seine Entscheidung getroffen und alle Versuche, ihn umzustimmen, waren zwecklos.
Am härtesten traf es vermutlich Peter. Mike und Michael reagierten zwar bestürzt und traurig, hielten sich aber zurück und bemühten sich, Bills Entscheidung zu respektieren. Peter jedoch verstand Bill nicht sofort. Er bestürmte ihn, es sich noch einmal zu überlegen. Er bat ihn, noch einmal drüber zu schlafen. Noch am selbem Abend ging er mit Bill essen und machte ihm ein Angebot: "Ich sagte, hör zu, Bill, ich weiß, Du magst nicht gern reisen. Ich verspreche Dir, wenn Du bleibst, n, es sich noch einmal zu überlegen. Er bat ihn, noch einmal drüber zu schlafen. Noch am selbem Abend ging er mit Bill essen und machte ihm ein Angebot: "Ich sagte, hör zu, Bill, ich weiß, Du magst nicht gern reisen. Ich verspreche Dir, wenn Du bleibst, werden wir nie wieder touren. Wir nehmen alle Alben in Athens auf. In Deiner eigenen Scheune, wenn Du willst. Und wenn es denn doch notwendig sein sollte, daß wir reisen, stellen wir einen Ersatzdrummer an." Peter lehnte sich weit aus dem Fenster, waren solche Vereinbarungen doch, ganz entgegen der jahrzehntelang geltenden, ungeschriebenen R.E.M.-Gesetze nicht mit den anderen abgesprochen gewesen. Aber Bill ließ sich sowieso nicht umstimmen. "Es wäre nicht fair gewesen", sagte er später, "wenn drei Leute 100 % geben - und einer maximal 30 %."
Am 31. Oktober wurde Bills Abschied von der Band in einer Pressekonferenz offiziell bekanntgegeben.